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Handlungsbedarfe im Brexit – am Beispiel Automobilindustrie

Dietmar von Polenz - Automotive

Grundannahmen des Brexit wirken disruptiv

Nach der Volksabstimmung vom 23.6.16 und der offiziellen Austrittserklärung der britischen Regierung am 29.3.17 gegenüber der EU sind nach Artikel 50 Lissabonner EU-Vertrag exakt 2 Jahre für die Verhandlungen und Umsetzung des „Brexit" vorgesehen. Damit enden drei Grundsäulen der europäischen Integration zwischen der EU und den britischen Inseln mit ihren Übersee-Territorien: gemeinsamer Markt, gemeinsamer Rechtsraum und freie Bewegung von Personen, Gütern, Dienstleistungen und Kapital. Hoch integrierte Branchen wie Automobil, Luftfahrt, Chemie, IT, Elektronik und Finanzdienstleistungen werden wirtschaftlich disruptiv betroffen.

Vermutlich werden die Ziele der Abstimmung und Regierungsverlautbarungen zu einem „Hard Brexit" führen. Die drei Grundforderungen „Austritt aus dem gemeinsamen Markt", „Kontrolle über den Zuzug von Arbeitnehmern aus EU-Ländern" und „Ende der Maßgeblichkeit von EU-Gesetzgebung und Rechtsprechung" widersprechen Grundwerten der Europäischen Integration.

Durch die „Great Repeal Bill" werden gültige EU Gesetze und Vorschriften in UK nur so lange in Kraft bleiben, bis sie durch ein Gesetz des britischen Parlaments ersetzt werden. Daraus ergibt sich:

Handlungsbedarf 1: Analyse aller Verträge und einschlägigen Bestimmungen, die nach Änderung der Rechtslage durch den Brexit ungültig werden oder sich Geschäfts-verändernd auswirken.

Fallbeispiel Automobilindustrie

Nach ACEA-Angaben arbeiten 12 Mio. Europäer in 300 Fabriken und ungezählten Händlern, Werkstätten und Servicebetrieben der Automobilindustrie. 2016 wurden 1,8 Mio. Autos in UK hergestellt und 2,4 Mio. aus der EU dorthin importiert. Für Zölle und Zollabwicklung entsteht:

Handlungsbedarf 2 und 3: Die Geschäftsprozesse für Zollabwicklung und nationale UK-Genehmigungen und Dokumente müssen organisiert werden. Mehrkosten und Aufwand für Zölle, Verwaltung und veränderte Local Content Bewertungen auf Drittmärkten müssen bewertet und die Strukturen in den bisher hoch integrierten Lieferketten angepasst werden.

Viele europäische Typzulassungen, Homologierungen, Normen, Abgas­gesetze, Umwelt­anforderungen, Datenschutz, Ver­braucher-Rechte, Patente u. v. m. werden für UK nicht mehr gelten und eigene Zu­lassungs­verfahren und Homologierungs-Voraussetzungen in beiden Richtungen für Fahrzeuge und Systemkomponenten erfordern. Daraus ergibt sich:

Handlungsbedarf 4: Sicherung des Marktzugangs durch frühzeitige Vorbereitung von Maßnahmen zum Erhalt der Zulassungs- und Betriebsvoraussetzungen und des Schutzes von geistigem Eigentum.

Mit Drittländern hat die EU 38 Handelsabkommen geschlossen, die das Vereinigte Königreich neu verhandeln muß. In UK hergestellte Fahrzeuge und Komponenten haben nach dem Brexit nicht mehr EU Herkunftsstatus und verändern den local content. Dies bedingt:

Handlungsbedarf 5 und 6: Neubewertung der Wertschöpfungsanteile einschließlich der passiven Veredlung. Strategische Re-Positionierung der Fertigungsprogramme durch verändertes Markt- und Wettbewerbsumfeld bezüglich Kosten, Return of Investment, Zölle und Währungsveränderungen.

Menschen bestimmen die Zukunft nach Brexit

Drei Millionen Ausländer aus der EU leben heute im Vereinigten Königreich und etwas mehr als eine Million Briten auf dem Kontinent. Dazu zählen in den hoch integrierten Branchen wichtige Experten und Führungskräfte mit Expatriate-Status, deren Bleiberechte noch zu verhandeln sind. Das führt zu:

Handlungsbedarf 7: Prognose des Personalentwicklungsbedarfs für Mitarbeiter mit auslaufender Aufenthalts- und Arbeitsberechtigung einschließlich Abbau nicht mehr wettbewerbsfähiger Arbeitsplätze.

Fazit für Betriebe und Interim Manager:

Bis zum Abschluß der Verhandlungen zum 28.3.2019 und die Anpassungsmonate danach wird befristet ein komplexes, im Umfang gewaltiges Arbeitspensum alle Betriebe mit Lieferbeziehungen oder Niederlassungen und Mitarbeitern in UK treffen. Interim Manager mit nachgewiesener internationaler Erfahrung in ihren Branchen und operativer Expertise in Recht, Sprachen, Restrukturierung, und Supply Chain werden eine schon gestartete „Brexit" Sonder-Konjunktur haben und wertvolle Leistungen für intern nicht ausreichend vorbereitete Betriebe erbringen.

Ausführlich werden die aufgeführten Themen und Handlungsbedarfe in meinem Beitrag „Brexit und Automobilindustrie – Handlungsfelder für das Interim Management" im Interim Management Magazin der DDIM, Ausgabe 2/2017 auf Seiten 38 – 40 dargestellt.

https://www.ddim.de/interim-management-magazin/Ausgabe/DDIM-2-2017/#38

Dietmar von Polenz - Automotive

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