By Frank P. Neuhaus on Freitag, 03. Juli 2020
Category: Brasilien

Haben Sie eine lokale Produktion in Brasilien? Sollten Sie Importe fürchten? Transformation des Geschäftsmodells notwendig?

In unterschiedlichsten Foren habe ich in den vergangenen Jahren immer wieder Bezug auf unsere Reorganisations- und Restrukturierungsprojekte genommen und auf den wachsenden Druck aus allen Richtungen infolge der kontinuierlichen Abwertung der brasilianischen Währung Real hingewiesen. Diese Tendenz hat im Laufe des Jahres 2019 massiv an Fahrt aufgenommen.

Mit Ausbruch der Covid-19-Krise wurde der Brand nur beschleunigt. In unseren Projekten, seien es kleiner oder auch multinationale Firmen, sehen wir die gleichen Tendenzen. Leider gibt es in Brasilien, wie auch im Rest der Welt nicht wenige, die davon überzeugt sind, dass die Abwertung insgesamt ein Segen für Brasilien sei.

Die verwundbarsten Sektoren sind in jedem Fall diejenigen mit in US-Dollar fakturierten Rohstoffen, sowie internationalen Konkurrenten. Vor allem jene Konkurrenten, welche schon wieder einen gewissen Aufschwung verzeichnen können.

Brasilianische Produzenten verschiedenster Industriesektoren sehen mit großer Sorge die Ausweitung asiatischer Produkte im Land, insbesondere schon wieder aus China. In meinen Gesprächen der vergangenen Wochen wird ganz offen eine echte Angst zum Ausdruck gebracht, trotz Aufwertung des Dollars gegenüber dem Real.

Die Invasion von allen voran chinesischem Material hört nicht mit Vorprodukten oder Industriemaschinen wie auch Komponenten auf – Sektoren wie Textilien, Schuhe, Autoteile, Aluminium und andere sind ebenfalls zu einem deutlich massiveren Ziel geworden als sie das schon vor der aktuellen Krise waren. 

Die Segmente, die am anfälligsten für eine potenzielle Flut von Importprodukten in den kommenden Monaten sind, sind diejenigen, die dollarisierte Rohstoffe verwenden und deren internationale Konkurrenten bereits begonnen haben, die Effekte der Covid-19-Pandemie hinter sich zu lassen. Das beobachte ich nun sehr massiv im Kunststoffsektor und seinen Produkten für die Verpackungsindustrie wie auch im Automobilzuliefersektor. Ein nicht unerheblicher Anteil der lokalen Industrie ist aktuell fast ohne Betriebskapital.

Wir können bei unseren Mandanten der Kunststoffverarbeitung ein enormes Risiko erhöhter Importe des Endprodukts, unabhängig von der Abwertung des Real, beobachten  – und das in einer Zeit des starken Rückgangs der internationalen Rohstoffpreise. In Brasilien konzentriert sich die Rohstoffproduktion zum größten Teil auf das nationale Unternehmen Braskem, welches den Wechselkurs auf die inländischen Marktpreise abwälzt.

Während also ausländische Produzenten vom starken Rückgang der Rohstoffpreise direkt profitieren, leiden brasilianische Hersteller unter der rasanten Abwertung der nationalen Währung Real. Somit erreichen die deflationären Tendenzen von Öl und Derivaten die brasilianische Industrie nicht. 

Obwohl sich die Nachfrage aktuell noch nicht aufheizt, schaut jeder der eine monatliche Produktion zu verkaufen hat auch nach Brasilien. Und die massive Abwertung des Real ist eine Art Einladung, den großen Markt ins Visier zu nehmen.

Nur im Zeitraum Januar bis April 2020, also vor Ausbruch der Covid-19-Krise in Brasilien, war die Handelsbilanz des Sektors mit USD 1 Milliarde negativ. Das entspricht einem um 41% höheren Defizit, als im gleichen Zeitraum 2019. Und der Vergleich Jahr-zu-Jahr 2019-2018 ist auch nicht viel anders.

Der Reflex ist immer der gleiche: fast alle brasilianischen Industrieverbände wollen eine aktive Rolle der Zentralregierung erreichen und Importkontingente festlegen lassen.

Leider hat die brasilianische Regierung keinen echten Plan, um mit der aktuellen Krise umzugehen. Selbst ein Gegensteuern, um die Abwertung des Real einzudämmen, existiert nicht. Ganz im Gegenteil. Der Wirtschaftsminister Paulo Guedes befeuert die Idee einer Abwertung der nationalen Währung und bekommt aktive Schützenhilfe von der Zentralbank, welche den Leitzinsatz auf ein Niveau absenkte, welches unter dem der vergleichbaren Schwellenländer liegt.

Damit wird Brasilien immer unattraktiver für Investoren, die dann ihre USD, Euro und Yen massiv abziehen und den Real weiter in eine Abwertungsspirale pressen. Es wird verbal Liberalismus gepredigt und Tür und Tor für Protektionismus geöffnet.

Von Januar 2019 bis April 2020, erreichte der Anteil der importierten Kunststoffrohprodukte und Chemikalien am nationalen Verbrauch, trotz der krisenbedingt gedrückten Nachfrage 45%. Das ist der höchste Wert in der Industriegeschichte Brasiliens. In den ersten vier Monaten des Jahres 2020 betrug das Handelsdefizit des Sektors Kunststoff und Chemie USD 9 Milliarden.
Der gegenüber dem Dollar abgewertete Real trägt wenig dazu bei, die Einfuhr von Importprodukten bisher zu verhindern oder die Wettbewerbsfähigkeit der nationalen Industrie zu steigern.

Im Maschinen- und Anlagenbau war das Handelsbilanzdefizit zu Beginn 2020 bereits sprunghaft angestiegen. Zwischen Januar und April 2020 war der Saldo mit USD 5 Milliarden negativ. Im gleichen Zeitraum in 2029 lag der Betrag bei USD 1,68 Milliarden in der negativen Bilanz.

Der Prozess der De-Industrialisierung Brasiliens schreitet unter der aktuellen Regierung massiv beschleunigt voran. Nun hängt es davon ab, was Ihr Geschäftsmodell ist, um in diesem neunen Markt in Brasilien mit schwimmen zu können.

Komplett neue Geschäftsmodelle mit einem integrieren Netzwerk der Wertschöpfungskette eröffneten interessante Chancen auf dem brasilianischen Markt. 

Frank P. Neuhaus
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