Bullshit-Bingo 4.0

Thorsten Soll - Interim Manager Finanzen

Es gibt zum Thema Finanzen derzeit kaum einen Fachartikel, in dem in den ersten Sätzen nicht mindestens fünf der folgenden Begriffe auftauchen.

  • Digitalisierung oder digital
  • Irgendetwas 4.0
  • Big Data
  • Advanced / Predictive Analytics
  • disruptiv
  • agil
  • Cloud
  • Blockchain
  • Artificial Intelligence (AI)

In schöner Regelmäßigkeit rufe ich während der Lektüre nach zwei Absätzen frohgemut Bullshit-Bingo – um dann nach der Hälfte des inhaltslosen Artikels enttäuscht auf Schließen zu klicken.

Richtig, dies ist kein neues Phänomen. Ab den 80`er Jahren des vergangenen Jahrhunderts musste alles lean sein, ab den 90`ern hatte sich alles an dem Shareholder Value auszurichten und dann brach auch noch die Outsourcing-Welle über die Welt des Finanzers herein, um nur einige Beispiele zu nennen. Heute geht es halt um Digitalisierung und Daten.

Richtig ist auch, dass wir uns in einer Zeit des fundamentalen Wandels befinden, getrieben durch immer schnelleren, technologischen Fortschritt.

Dass allerdings selbsternannte Experten die Agenda des CFO bestimmen wollen, dabei aber offensichtlich nicht einmal den Unterschied zwischen disruptiv und innovativ verstanden haben (nachzulesen bei Clayton M. Christensen, dem „Erfinder" dieser Wettbewerbstheorie), hat eine ganz neue „Qualität".

Und dass darüber hinaus von Politik und Medien die digitale Rückständigkeit in Deutschlands Unternehmen beklagt wird, treibt dem kaufmännischen Leiter eines mittelständischen Unternehmens – sagen wir aus dem Schwarzwald (stellvertretend für viele Regionen in Deutschland) – der seit Jahren verzweifelt versucht, Anschluss an das Breitbandnetz zu bekommen, endgültig die Zornesröte ins Gesicht.

Nun aber genug der Polemik.

Lösungswege anstelle von Modewörtern

Es ist unbestritten, dass viele mittelständische Unternehmen – und nur für diese kann ich aus eigener Erfahrung schreiben – erheblichen Nachholbedarf bei der Optimierung von Prozessen, Strukturen und Systemen im Finanzbereich haben. Viele manuelle Tätigkeiten, wenig standardisierte Prozesse, eine inkonsistente Datenbasis und gewachsene, fragmentierte IT-Systemlandschaften mit Systembrüchen kennzeichnen heute noch häufig die Lage. Nicht zu reden von den bemitleidenswerten Controllern, die mit komplexen, fehleranfälligen Excel-Landschaften hantierend, immer noch eher Datensammler und –aufbereiter sind als echte Business Partner und Lieferanten von steuerungsrelevanten Informationen.

Die Folgen sind allenthalben bekannt: ewig lang dauernde Monatsabschlussprozesse (30 Tage und mehr), Managementreportings mit einer Fülle an Daten aber wenig Informationen, schwache Forecasting Qualität, ausufernde Budgetprozesse und und und.

Klar, die Problemlösung hat viel mit Digitalisierung und Automatisierung zu tun. Aber eben nicht nur. Es gilt hier Veränderungsprozesse anzustoßen, eingeschliffene Verhaltensweisen aufzubrechen und Strukturen anzupassen (ich vermeide bewusst den Ausdruck Change Management, sonst ruft wieder jemand irgendwo Bullshit-Bingo).

Gerade hier können Interim Manager nachhaltig und wirkungsvoll unterstützen. Zum einen, weil den Unternehmen schlichtweg Ressourcen für solche Projekte fehlen (Stichwort „lean"). Und zum anderen, weil Interim Manger häufig das entsprechende Know-How mitbringen. Und zwar nicht, weil wir plötzlich alle zu Digitalisierungs-Experten geworden sind. Sondern weil wir vergleichbare Problemstellungen erlebt und gelöst und Erfahrungen mit dem Management von komplexen Veränderungsprojekten haben. Weil wir aufgrund der gemachten Erfahrungen wissen, wo die Fallstricke lauern. Und daneben natürlich auch das ein oder andere notwendige Werkzeug kennen.

Dies gilt es herauszustellen – praxisnahe Lösungswege aufzuzeigen, Unterstützung für konkrete Problemstellungen zu liefern und nicht einfach nur auf der Digitalisierungswelle mitzureiten.

Ein Mehr an Nüchternheit und Substanz und ein Weniger an derzeit modernen Schlagwörtern wäre aus meiner Sicht daher angeraten. Sonst heißt es am Ende wieder nur:

Bullshit-Bingo 4.0

Thorsten Soll - Finanzen

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Kommentare 4

Klaus Juergen Voss am Mittwoch, 06. September 2017 13:49

Das unterschreibe ich zu 100 %, lieber Herr Soll, gerade für den Mittelstand, auch den im Schwarzwald!

Trotzdem sollte man die Blockchain Technologie keineswegs unterschätzen.
Denn dort entsteht gerade ein neuer Freiheitsgrad für "wasserdichte" Kontrahierungen der in der Tat disruptiv sein wird.
Insbesondere diverse, heute noch gut verdienende, Middlemen werden sich schon bald die Augen reiben, darüber, wie gut man doch dann auf selbige verzichten können wird. Als Beispiel seien nur die Immobilienmakler genannt. Sehr konkrete Ansätze sind bereits in der Umsetzung....

Und als "Ausweichwährungen" spielen die diversen Cryptocurrencies bereits heute eine rasant zunehmende Rolle. Nicht nur im Darknet.
Wasserdichte Geldflüsse und kryptographische anonyme Aufbewahrungsmedien, so ganz ohne die bekanntlich clandestinen Veranstaltungen wie BIZ, EZB und FED mit den unverhohlenen Eigeninteressen deren teils privater Eigentümer, haben doch in der Tat einen anziehenden Charme.

Es lohnt sich also durchaus, sich hier regelmäßig auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu halten.
Denn dieser "Hype" lässt sich keineswegs so schnell wieder einfangen, wie die Tulpenmanie in Holland im 16. Jahrhundert oder die Aktienblasen im Neuen Markt.

Vorbereitet zu sein ist doch alles.
Und gegen den einen oder anderen "Windfallprofit", generiert aus vorsichtiger Anlagestrategie in Cryptocurrencies, hat sicher auch kein deutscher Mittelständler Einwände vorzubringen.

Wie soll man auch sonst eigene Erfahrungen mit diesen in der Tat disruptiven Technologien sammeln ?
Denn der nächsten Generation der Unternehmenslenker im Mittelstand wird kein Raum zugestanden, um dem Kommenden auszuweichen.
Auch denen im Schwarzwald nicht

Das unterschreibe ich zu 100 %, lieber Herr Soll, gerade für den Mittelstand, auch den im Schwarzwald! Trotzdem sollte man die [b]Blockchain Technologie[/b] keineswegs unterschätzen. Denn dort entsteht gerade ein neuer Freiheitsgrad für "wasserdichte" Kontrahierungen der in der Tat disruptiv sein wird. Insbesondere diverse, heute noch gut verdienende, Middlemen werden sich schon bald die Augen reiben, darüber, wie gut man doch dann auf selbige verzichten können wird. Als Beispiel seien nur die Immobilienmakler genannt. Sehr konkrete Ansätze sind bereits in der Umsetzung.... Und als "Ausweichwährungen" spielen die diversen Cryptocurrencies bereits heute eine rasant zunehmende Rolle. Nicht nur im Darknet. Wasserdichte Geldflüsse und kryptographische [b]anonyme[/b] Aufbewahrungsmedien, so ganz ohne die bekanntlich clandestinen Veranstaltungen wie BIZ, EZB und FED mit den unverhohlenen Eigeninteressen deren teils privater Eigentümer, haben doch in der Tat einen anziehenden Charme. Es lohnt sich also durchaus, sich hier regelmäßig auf dem neuesten Stand der Entwicklung zu halten. Denn dieser "Hype" lässt sich keineswegs so schnell wieder einfangen, wie die Tulpenmanie in Holland im 16. Jahrhundert oder die Aktienblasen im Neuen Markt. Vorbereitet zu sein ist doch alles. Und gegen den einen oder anderen "Windfallprofit", generiert aus vorsichtiger Anlagestrategie in Cryptocurrencies, hat sicher auch kein deutscher Mittelständler Einwände vorzubringen. Wie soll man auch sonst eigene Erfahrungen mit diesen in der Tat disruptiven Technologien sammeln ? Denn der nächsten Generation der Unternehmenslenker im Mittelstand wird kein Raum zugestanden, um dem Kommenden auszuweichen. Auch denen im Schwarzwald nicht ;)
Thorsten Soll am Mittwoch, 06. September 2017 16:15

Vielen Dank, Herr Voss.

Ich stimme Ihnen zu, dass die Blockchain das Potenzial hat, Geschäftsmodelle fundamental zu verändern. Was bei dem Hype darüber aber häufig übersehen wird, ist die Tatsache, dass es sich dabei um eine Grundlagentechnologie handelt, ähnlich dem Internetprotokoll TCP/IP. Und dieses hat auch über 20 Jahre benötigt, bis es die Wirtschaft umgekrempelt hat.

Bei der Blockchain wird es voraussichtlich nicht so lange dauern. Aber bis alle technologischen, regulatorischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Fragen geklärt sind, wir es noch ein paar Jährchen brauchen.

Das Thema im Auge zu behalten und versuchen zu verstehen, wohin die Reise geht, ist aber mit Sicherheit auch für den Mittelstand angeraten. Da bin ich bei Ihnen.

Vielen Dank, Herr Voss. Ich stimme Ihnen zu, dass die Blockchain das Potenzial hat, Geschäftsmodelle fundamental zu verändern. Was bei dem Hype darüber aber häufig übersehen wird, ist die Tatsache, dass es sich dabei um eine Grundlagentechnologie handelt, ähnlich dem Internetprotokoll TCP/IP. Und dieses hat auch über 20 Jahre benötigt, bis es die Wirtschaft umgekrempelt hat. Bei der Blockchain wird es voraussichtlich nicht so lange dauern. Aber bis alle technologischen, regulatorischen, organisatorischen und gesellschaftlichen Fragen geklärt sind, wir es noch ein paar Jährchen brauchen. Das Thema im Auge zu behalten und versuchen zu verstehen, wohin die Reise geht, ist aber mit Sicherheit auch für den Mittelstand angeraten. Da bin ich bei Ihnen.
Hans Rolf Niehues am Mittwoch, 06. September 2017 15:16

Guten Tag,

fürwahr, es ist immer etwas à la mode.
Nur in dem ganzen Aktionismus - und da stimme ich Ihnen zu - heisst es Kurs halten und nicht die Weisheit im neusten Hype suchen.
Man denke da noch an die alten Heilsbringer, wie " wir haben jetzt SAP...".
Reflektieren ja, aber nicht das Heil darin suchen und den Überblick und Durchblick verlieren. Ursache und Wirkungsverhältnisse ins Zentrum der Betrachtung stellen. In diesem sinne back to the roots!

Guten Tag, fürwahr, es ist immer etwas à la mode. Nur in dem ganzen Aktionismus - und da stimme ich Ihnen zu - heisst es Kurs halten und nicht die Weisheit im neusten Hype suchen. Man denke da noch an die alten Heilsbringer, wie " wir haben jetzt SAP...". Reflektieren ja, aber nicht das Heil darin suchen und den Überblick und Durchblick verlieren. Ursache und Wirkungsverhältnisse ins Zentrum der Betrachtung stellen. In diesem sinne back to the roots!
Klaus Juergen Voss am Freitag, 08. September 2017 12:39

Lieber Herr Soll,

die Geschwindigkeit, in der diese digital gesteuerten Dinge ablaufen werden, sollte man mitnichten unterschätzen.

Ebenso wenig wie die Tatsache, daß bereits wirtschaftlich große Nationen wie RU und CN Reserven anstatt in US-$, der bekanntlich ziemlich "krank" ist (weil das Land komplett überschuldet), in Cryptocurrencies umschichten.

Wenn selbst McK deutlich auf diese rasanten Entwicklungen hinweist, empfiehlt es sich sicher, einmal genauer hinzuschauen. Und dran zu bleiben...
http://www.mckinsey.com/industries/high-tech/our-insights/how-blockchains-could-change-the-world

Lieber Herr Niehues,

keine Frage: "Back to the roots" ist immer die Devise.
Verkaufen! Und verdienen! Und bezahlt werden!

Das sind und bleiben die Parameter jeglicher erfolgreicher wirtschaftlicher Aktivität.

Die Ursache für das Sterben vieler kleiner Unternehmen und Handelsgeschäfte, z.B. auch Printmedien ist ganz sicher durch die Digitalisierung (z.B. auch Amazon) bedingt.

In diesem Sinne: Neue "Wurzeln" sollte man sehr gut beobachten.
Sonst "wuchern" die neuen Pflanzen rasant über die alten Geschäftsmodelle.....

Und viele reiben sich die Augen: "Wie konnte uns das bloß passieren..."

Vielen meiner Kunden ist das schon zugestoßen.
Sonst hätte man meine Hilfe nicht gebraucht.

Aber wie immer: Wat den Een sien Uhl, is den Annern sien Nachtigall ;-))

Weiterhin gute Geschäfte

Lieber Herr [b]Soll,[/b] die Geschwindigkeit, in der diese digital gesteuerten Dinge ablaufen werden, sollte man mitnichten unterschätzen. Ebenso wenig wie die Tatsache, daß bereits wirtschaftlich große Nationen wie RU und CN Reserven anstatt in US-$, der bekanntlich ziemlich "krank" ist (weil das Land komplett überschuldet), in Cryptocurrencies umschichten. Wenn selbst McK deutlich auf diese rasanten Entwicklungen hinweist, empfiehlt es sich sicher, einmal genauer hinzuschauen. Und dran zu bleiben... http://www.mckinsey.com/industries/high-tech/our-insights/how-blockchains-could-change-the-world Lieber Herr [b]Niehues,[/b] keine Frage: "Back to the roots" ist immer die Devise. [b]Verkaufen[/b]! Und [b]verdienen[/b]! Und [b]bezahlt werden[/b]! Das sind und bleiben die Parameter jeglicher [b]erfolgreicher[/b] wirtschaftlicher Aktivität. Die Ursache für das Sterben vieler kleiner Unternehmen und Handelsgeschäfte, z.B. auch Printmedien ist ganz sicher durch die Digitalisierung (z.B. auch Amazon) bedingt. In diesem Sinne: Neue "Wurzeln" sollte man sehr gut beobachten. Sonst "wuchern" die neuen Pflanzen rasant über die alten Geschäftsmodelle..... Und viele reiben sich die Augen: [i]"Wie konnte uns das bloß passieren..."[/i] Vielen meiner Kunden ist das schon zugestoßen. Sonst hätte man meine Hilfe nicht gebraucht. Aber wie immer: Wat den Een sien Uhl, is den Annern sien Nachtigall ;-)) Weiterhin gute Geschäfte :)
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