UNITEDINTERIM Blog

Case-Studies und Blogbeiträge von professionellen Interim Managern und Interim Managerinnen

Corona - die Krone der Panik

Trotz schnellerer Ausbreitung und Überflutung in den Medien zum Thema und der sehr ernst zu nehmenden realen Krankheits-Ausbreitung von COVID-19 hier ein paar Worte zur Besonnenheit von einem Interim Manager in der Automobilindustrie, der vor Weihnachten ein Mandat in Nanjing (530 km von Wuhan entfernt) gesund abgeschlossen hat.

Aktuelle Situation in China

Mit den Ressourcen eines zentral gelenkten Staates, mit einem Ein-Parteiensystem, tut China sicher alles zur Eindämmung des COVID-19 Virus – durchaus mit sehr drastischen Maßnahmen: nach dem durch Totschweigen verschärften Fehlstart ins neue Jahr der Ratte. Millionen von Arbeitnehmern konnten immer noch nicht an die Arbeitsplätze zurückkehren oder (Klein-) Unternehmer ihr Gewerbe wieder aufnehmen. Dennoch gibt es wieder Produktion in steigenden Stückzahlen in China, wenn auch mit stark gestörten Lieferketten und Versorgungsengpässen. Denn eine Abriegelung von Millionenstädten und Einschränkungen des Bahn-, LKW- und Luftverkehrs bedeuten nicht nur Stillstand von Fabriken, sondern auch die Blockade der Transportströme in alle Himmelsrichtungen. Denn die leistungsfähigen Verkehrsachsen durchqueren in China meistens diese Ballungsräume und führen nicht tangential außen herum. Gehen Sie davon aus, daß in einem Land mit staatlich gelenkten Medien Zahlen und Nachrichten eher untertrieben sind, auch wenn der Hang zur Panik in China viel weniger spürbar war als bei den deutschen Verbrauchern. Wer vor über 30 Jahren nur auf ADN-Nachrichten angewiesen war und keinen Zugang zu DPA, UPI, AP, AFP und anderen Nachrichtenagenturen hatte, kann die prinzipielle Qualität der Nachrichtenlage vergleichen. Und nehmen Sie die Reiseinformationen und Verhaltens­maßnahmen der kompetenten Institutionen ernst! Aber auch nur diese!

Corona-Situation in Deutschland

Über den Hebel Italien und die Fastnachts-Ferien ist COVID-19 im deutschen Bewusstsein und in den Infektionsfällen plötzlich näher gerückt denn je. Die Verbraucher (und damit wir alle) haben panisch mit Hamsterkäufen reagiert – bis zur Ausgrenzung von Asiaten und Italienern, die in der Mehrheit lange in unserem Land leben und meist nicht in Infektionsschwerpunkten unterwegs waren. Es ist manifest geworden, daß unser Zivilschutzkonzept in Deutschland nach Ende des Kalten Kriegs sträflich vernachlässigt wurde. Alles Wichtige ist nicht vorhanden, nicht am Bedarfsort, die strategischen Grundlagen sind ungeklärt, Produkte teuer und Behörden immobil wie auf der Gorch Fock, wenn Sie mir diesen militärischen Vergleich zur Bundeswehr erlauben.

Fallbeispiel Automobilindustrie

Für meine Branche der Automobilindustrie bedeutet dies mindestens Quartals-Ausfälle des eminent wichtigen Absatzmarkts China, massive Störungen der lokalen Produktion dort (auch wenn der BMW-Chef dies vor 3 Wochen noch ausgeschlossen hatte und sein Produktionsvorstand dies nun aktualisieren muß), Unterbrechungen von Zulieferungen aus China für die weltweiten Werke, dringende Suche nach alternativen Lieferquellen, Absage des Genfer Automobilsalons, Störung des Konsumklimas und des Absatzes, Verteuerung von Transportkosten und Preisen, Aktien- und Wechselkurseinflüsse, …

Die Versorgungskrise aus China (vor allem Elektronik, Leiterplatten, Steuergeräte, Sensoren, Kunststoffteile, bearbeitete Gußteile, Vormontagen, Elektromotoren, Batterien, Chemikalien, Leder, uvm.) steht uns erst noch bevor. Denn vor „Chinese New Year" am 24. Januar 2020 – und dem planmäßigen landesweiten Herunterfahren der Produktion für bis zu 10 Tage landesweite Ferien – wurden die Container einschließlich der disponierten Überbrückungsmengen für diese Periode gefüllt und auf den Weg geschickt. Nach 4 bis 6 Wochen Seeweg treffen die Schiffe in Europa und Amerika ein, sodaß in diesen Tagen die inbound-Lager nochmals aufgefüllt werden können. Luftfracht wird aktuell mit sehr viel geringeren Frequenzen geflogen mit zusätzlichen Zwischenlandungen in Sibirien, damit die Crews von dort aus innerhalb eines Tages-Turns nach China fliegen können und nicht im Land übernachten müssen. Der Eisenbahnverkehr mit 10 bis 15 Tagen Transportzeit nach Mitteleuropa über die One-Belt Road Inititiative („neue Seidenstrasse") wird in den Westprovinzen Chinas und im Ausland funktionieren. Aber die Waggons aus den industriell dicht besiedelten, vom Virus relativ stärker betroffenen und höchst Automotive-relevanten Ost-Provinzen Hubei, Anhui, Jiangsu, Zhejiang, Henan, Hunan, Jiangxi und Guandong werden mehrere Wochen nicht in voller Zahl und Beladung in den Transport-Gürtel der neuen Seidenstrasse über die Westgrenzen Chinas kommen. Sondern mangels Ladung nicht abgeschickt werden oder auf dem Weg in Chinas Westen in den von COVID-19 betroffenen Bahnknotenpunkten stranden.

Fazit: Die massiven Supply Chain-Probleme werden in einigen Wochen spürbar werden, wenn dann die nächsten Lieferungen für mehrere Wochen gar nicht oder mit verminderten Stückzahlen eintreffen. Wenn bei single source-Abschlüssen keine Werkzeuge und keine alternativen freigegebenen Lieferanten an anderen Standorten außerhalb Chinas vorhanden sind, Zweitlieferanten ausgelastete Kapazitäten haben und auch nicht so schnell entwickelt werden können. Folglich wird es signifikante Programm-Rücknahmen, Kurzarbeit und Werksschließungen aus Teilemangel im zweiten Quartal 2020 in Europa geben.

Potentiale für Interim Management

Zunächst spüren Interim Manager und Provider aktuell eine Nachfrage-Abkühlung auf dem Gesamtmarkt, weil die Auftraggeber angesichts dem schon im letzten Jahr begonnenen Arbeitsplatzabbau in der Autobranche und der Krise in China vorsichtig agieren, die Krise antizipieren und Projekte auf Eis legen.

Die klassische Vakanzüberbrückung für durch Quarantäne, Krankheit oder Reise­be­schränkungen ausfallende fest angestellte Manager wird eine sehr geringe Rolle spielen, solange die Infektionsraten gering sind. Zudem ist die Dauer von Quarantäne oder Krankheit mit meist 2 Wochen zu kurz, um ein Interim Management-Mandat nachzufragen.

Eine COVID-Sonderkonjunktur wird jedoch für die Interim Manager kommen, die in Einkauf, Supply Chain Management, Logistik, Qualitätswesen und Produktionssteuerung sofort Management-Kapazität und Expertise bereitstellen können: Für die kurz- und mittelfristigen Anforderungen der Entwicklung und operativer Steuerung alternativer Lieferquellen und Teilemangel-Überbrückungen, die im Stammpersonal nicht für die aktuellen Sonderanforderungen vorgehalten sein kann.

Corona lessons-learned

Mittelfristig werden die genannten Fachrichtungen von Interim Managern die Industrie unterstützen in der Umsetzung der lessons learned aus der Corona-Krise in der strategischen Neu-Positionierung. Denn viele Betriebe lernen heute schmerzhaft, daß bei allen Kostenvorteilen die Verwundbarkeit durch single sourcing, outsourcing, globale Transportketten und Werkzeuge sowie Produktionsfreigabe nur an einem Standort ein oft unterbewertetes Betriebsunterbrechungs-Risiko darstellen. Und die vielen hygienisch prekären Wohnsituationen trotz allen Neubauten und Immobilien-Leerstand vor allem in dicht besiedelten Ländern wie China, Indien, Südostasien, Afrika werden alle paar Jahre wieder zu solchen globalen Gesundheitskrisen führen, für die man strategisch und nicht nur medizinisch Vorsorge treffen muß.

Dietmar von Polenz

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