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Brexit - Kurzfrist-Strategien nach Abstimmungs-Chaos

Dietmar von Polenz - Inhaber von INTERIM[4]AUTOMOTIVE - Mitglied von DDIM und BCCG (British Chamber of Commerce in Germany)

In der drittletzten Woche vor dem zwei Jahre zuvor nach Artikel 50 EU Lissabon-Vertrag festgelegten Austrittsdatum 29.3.2019 des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union hat das britische Unterhaus in drei Abstimmungstagen

  • den nachgebesserten Vertragsentwurf zum Austrittsabkommen mit der EU abgelehnt (391 zu 242 Abgeordnete),
  • einen „no deal" Austritt ohne Abkommen abgelehnt (321 zu 278),
  • sich gegen eine zweite Volksabstimmung entschieden (334 zu 85) und
  • die Premierministerin bevollmächtigt eine Verschiebung des Austritts bis maximal 30.6.19 mit der EU zu verhandeln (412 zu 202).

Die Premierministerin möchte am 19.3.19 nochmals über den Vertragsentwurf abstimmen lassen und muss sich am 21.3.19 auf dem EU-Gipfel zur Verschiebung und zum Vorgehen erklären, um die Zustimmung der 27 EU-Mitgliedsregierungen zu erhalten. Eines der ältesten Parlamente der Welt kollabierte vor der Aufgabe, strategisch konsistente und praktisch umsetzbare Entscheidungen termingerecht zu beschließen. Die Folgen nach dem zu erwartenden Aufschub für die Briten selbst, die Iren, die sonstigen Einwohner der EU und die Weltwirtschaft sind in ihren unmittelbaren Auswirkungen und der längerfristigen Tragweite heute unvorhersehbar.

Aufgaben für Interim Management

Interim Manager sind gewohnt, sich äußerst flexibel und schnell auf neue Herausforderungen im gesamten technischen und wirtschaftlichen Umfeld der Kunden einzustellen, um deren Probleme zu lösen durch extern bereitgestellte Management-Kapazität und Expertise. Wir sollten keine Zeit verlieren in den nächsten höchst volatilen Wochen und nicht über Politiker klagen, sondern Mitverantwortung übernehmen, um die Lieferketten der Industrie für die Aufrechterhaltung von Produktion und Konsumentenversorgung in Gang zu halten. Wir stellen externe Management-Kapazität bereit und lösen Aufgaben, die nicht planbar und zum Teil einzigartig sind. Unternehmen wie Verbraucher müssen höchst flexibel sich einstellen auf Verzögerungen, Handelserschwernisse sowie gesetzlich und administrativ ungeregelte Prozesse und Tatbestände im Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen dem Kontinent und den Inseln – ob mit oder ohne Aufschub.

Strategische Vorbereitung

Behauptungen aus Außen-, Wirtschafts- und Verkehrsministerium in Berlin, dass „die deutsche Industrie vorbereitet sei" mögen allenfalls für strategische Vorbereitungen stimmen und sind sicher nicht flächendeckend. Hoffentlich haben die meisten Unternehmen die vorhersehbar notwendigen Vorbereitungen getroffen, um flexibel auf dieser Basis operativ agieren zu können. Zu diesen strategischen Vorbereitungen gehört:

  • Erhöhung von Lagerbeständen zur kurzfristigen Abfederung von Transportverzögerungen durch die neuen Verzollungs-Anforderungen nicht nur bei just-in-time Belieferung (JiT),
  • Entwicklung von Zweitlieferanten innerhalb der EU sowie ggf. Verlagerungen in die EU,
  • Aufbau von geschulten Personalkapazitäten für Verzollung und Logistik-Steuerung im eigenen Lieferverkehr mit dem Vereinigten Königreich einschließlich Risikobewertung der Lieferketten der Zulieferer,
  • Anwendbarkeit und Fortbestehens-Aktivitäten zur Gültigkeit von Verträgen, Patenten, Schutzrechten zu geistigen Eigentum und Marken, Zulassungen, Typprüfungen, Homologierungen, Umweltzertifikaten, Verkehrsrechten, Ansprüchen, grundlegenden Dokumenten, eingetragenen Rechtsformen, Akkreditierungen, Local Content Neuberechnungen für Ursprungs-Zertifikate, schwebende rechtliche Auseinandersetzungen, …
  • Anpassung von Kostenkalkulationen und Preisbildung an die geänderten Zollsätze (die noch von offenen Entscheidungen abhängig sind) und administrativen Mehrkosten,
  • Auflistung der betroffenen Arbeitnehmer, deren Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis auslaufen.

Kurzfristige Aufgaben

Die Wochen vor und nach der Wirksamkeit des Brexit werden durch höchste Unsicherheit, Störungen und Volatilität bestimmt sein. Denn die verlorene Zeit und Unfähigkeit zu einer klaren und konsistenten politischen Gestaltung des Brexit fordert mindestens unternehmerisches Improvisationstalent. Notwendiges Kurzfrist-Mikromanagement kann nur auf Basis der erledigten oben genannten strategischen Vorbereitungen funktionieren, weil nur dann die Lücken identifiziert und Stellhebel einsetzbar sind.

Politik und Administration auf den Inseln sind lückenhaft vorbereitet und in der heißen Phase nach Inkrafttreten der Brexit-Maßnahmen verunsichert und überlastet. Denn viele Verordnungen und Regelungen werden auch mit Aufschub nicht pünktlich getroffen sein.

So hat das Vereinigte Königreich nur sieben von über 40 notwendigen Handelsabkommen bisher geschlossen – wobei die Schweiz der mit Abstand wirtschaftlich bedeutendste Vertragspartner ist. Wenn es zu keiner Zollunion (z. B. Norwegen Modell) kommt, besteht für UK mit 33 Staaten und Wirtschaftsräumen ein ungeregelter Zustand zu WTO-Bedingungen.

Welche Verwerfungen ein „Hard Brexit" oder gar ein „no-deal" nach sich ziehen kann, zeigt exemplarisch die Meldung der niederländischen Zeitung „De Telegraf" vor der Abstimmungswoche im britischen Parlament, dass NedCar in Born eine Option auf 36 Hektar Nachbargrundstück abgeschlossen habe, um durch Fabrikerweiterung nicht nur wie heute den Mini Countryman montieren zu können, sondern alle Ausführungen und Stückzahlen. Der vom Brexit besonders stark betroffene BMW-Konzern hat konsequenter als andere seit der Volksabstimmung im Sommer 2016 sich auf den Brexit systematisch vorbereitet. In jedem BMW-Werk mit Lieferbeziehung zu Großbritannien hat ein Brexit-Beauftragter die Auswirkungen analysiert und Maßnahmen koordiniert. Andere Hersteller haben schon angekündigt, Montagewerke in England zu schließen, BMW behält sich damit die Entscheidung trotz aller systematischen Vorarbeiten kurzfristig vor.

Dies zeigt die Dramatik, Volatilität und gleichzeitig die Notwendigkeit für die Industrie:

  • Sich erforderliche (Interim)Management- und Beratungskapazitäten zu sichern;
  • Sich aktuell zu informieren aus allen verlässlichen Quellen wie EU, British Government, BCCG, Zoll, internationalen Fachverbänden wie zum Beispiel in der Fahrzeugindustrie ACEA, CLEPA und VDA, um Beschlüsse operativ rechtzeitig umzusetzen und neue Regeln einzuhalten;
  • personelle und finanzielle Vorsorge zu treffen für alle Friktionen, die der Brexit nach sich zieht. 

Dietmar von Polenz

Dietmar von Polenz - Automotive

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