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Ein starkes Restrukturierungswerkzeug - "Chapter 11" in Brasilien - Recuperação Judicial

In den vergangenen Jahren hat iManagementBrazil an der Seite von spezialisierten Anwaltsbüros Insolvenzverfahren nach brasilianischem Gesetzt durchgeführt. Diese Prozesse sind in Brasilien als „Recuperação Judicial" bekannt. Sie sind am US-Verfahren des bekannten Chapter 11 angelehnt. Vor einigen Jahren hat iManagementBrazil zu dem Thema einen Report auf der eigenen Webpage veröffentlicht, download unter dem Link: https://www.imanagementbrazil.com.br/Files/17_9.pdf

Aktuell sind wir abermals in Projekten dieses Charakters involviert. Wie sieht das Szenario für diese Art der Restrukturierung heute aus? Generell muss man feststellen, dass diese Verfahren im Bundesstaat São Paulo relativ langsam verlaufen.

Es dauert etwa 60 Tage, bis die Justiz von São Paulo einem Antrag auf gerichtliche Reorganisation zustimmt. Andererseits benötigen Unternehmen eine durchschnittliche Frist von 520 Tagen, um einen Reorganisationsplan aufzustellen, ihn mit den Kreditoren zu verhandeln und dann juristisch-administrativ zu genehmigen. Nach dieser Phase, welche im Schnitt schon fast 600 Tage konsumiert, folgen bis zu drei Jahre der Exekution – bis zum Verlassen der juristischen Aufsicht.

Die Daten der Anwaltsbüros zeigen, dass ein brasilianisches Insolvenzverfahren im Durchschnitt langsam und noch zeitaufwendiger ist, wenn man die Fristen des Gesetzes aus dem Jahr 2005 berücksichtigt, welches gleichzeitig das Insolvenz- und das Konkursverfahren im gleichen zeitlichen Kontext in Erwägung zieht. Trotz aller dieser zeitlichen langen Phasen wird der Mechanismus von Spezialisten als effizient angesehen.

Eigene Erfahrungen zeigen auch, dass Unternehmen über 180 Tage benötigen, um einen Sanierungsplan intern zu genehmigen. Dies ist die gesetzlich gewährte Schutzdauer, in welcher Inkasso- und Vollstreckungsmaßnahmen ausgesetzt sind. Nach diesem Zeitraum würde theoretisch der Schutz erlöschen. Heute akzeptiert die Rechtsprechung jedoch, die Zeit der Abschirmung bis zur Genehmigung des Plans durch die Gläubigerversammlung zu verlängern. Dieser Zeitkorridor kann taktisch in alle Richtungen genutzt werden. Unsere Erfahrung ist, dass diese Phase zum Ausarbeiten des Sanierungsplans bis zu 360 Tage dauert.

Gemäss einer Studie der Anwaltsvereinigung in São Paulo beträgt die mittlere Zeit bis zur endgültigen Beratung des Sanierungsplans 400 bis 520 Tage. Gemäss dieser Studie wurden von den zur richterlichen Genehmigung vorgelegten Plänen 72% genehmigt. Andererseits ließen 17% der Unternehmen den Konkurs vor der ersten Gläubigerversammlung verkünden.

Seit unserem ersten Projekt im Rahmen des brasilianischen Insolvenzverfahrens können wir immer wieder feststellen, dass im Allgemeinen die Shareholder für einen sehr aggressiven Ansatz optieren. Fast immer sehen wir Rabatte von bis zu 80%, vor allem wenn es sich um Bankkredite handelt, Zahlungsziele von bis zu 20 Jahren an Lieferanten, ohne Zinsen und Korrektur durch den Referenzzins (TR).

Die Gläubiger akzeptieren diese Bedingungen nur, weil Konkurs keine echte Alternative ist, da dann keine Aussicht auf Geldfüsse besteht. Rückblickend auf die ersten Insolvenzverfahren, in welchen iManagementBrazil aktiv war (2012/13), können wir beobachten, dass nach ca. fünf Jahren ab Beginn der Sanierungsphase 80-90% der Kreditoren eine abschliessende Zahlungsbedingung mit weiteren Rabattkonditionen verhandelt haben.

Wir können klar feststellen, dass es zu massiven Verzerrung gegenüber den kleinen und mittleren Kreditoren kommt. Diese Unternehmergruppe repräsentiert gut 90 % der aktiven Unternehmen in Brasilien, umfasst fast ⅔ der Komposition der Kreditoren, stellt aber nur 30 % der Anträge auf Insolvenz. Wir wissen wie anfällig diese Unternehmergruppe für Krisen ist, aber sie sehen das Gesetz nicht als Lösung für ihre Schwierigkeiten..

Aber wie funktioniert das gerichtliche Insolvenzverfahren in Brasilien, was sind die Vor- und Nachteile?

Dieses Restrukturierungswerkzeug kann dazu beitragen, das Management des Unternehmens zu verbessern, aber die Beziehung zwischen Gläubigern und Schuldnern muss überprüft und neu definiert werden - das ist von entscheidender Bedeutung.

Das Rekordwachstum bei Insolvenzansprüchen seit 2015 hat Fragen nach der Effizienz der Ressource für das Überleben von Unternehmen ans Tageslicht befördert, da der Prozess darauf abzielt, Schulden abzubauen und nicht das Wachstum des Unternehmens neu zu beleben. Trotz der Chancen auf eine Verbesserung des Managements argumentieren Experten, dass die Beziehungen zwischen Gläubigern und Schuldnern gründlich überprüft werden müssen.

In praktisch allen Projekten zur gerichtlichen Reorganisation haben wir festgestellt, daß der Antrag auf Durchführung dieser Restrukturierung unter anderem eine Rücknahme der verfügbaren Kredite, Risiken für das Image des Unternehmens und eine zwangsläufige Verringerung des Vermögenswertes mit sich bringt. Das geltende Gesetz erlaubt es Unternehmen, ihre Manager zu behalten, außer in bestimmten Fällen von Betrug oder Praktiken, die sich auf die Vermögenssituation signifikant negativ ausgewirkt haben. Viele Anwälte schlagen deshalb eine Reflexion über die Rolle des Managements von Unternehmen in der Restrukturierung vor.

Es ist festzustellen, dass in allen Unternehmen, die sich während des Umstrukturierungsprozesses für die Einrichtung eines spezialisierten Managements entschieden haben, sich die Praktiken der Unternehmen verbesserten, da sie von externen Akteuren wie Gläubigern und Prozessrichtern überwacht werden und das spezialisierte Management eine höhere Reputation hat. Der Prozess und der Plan werden schnell öffentlich und ermöglichen eine vertrauensvollere Diskussion mit allen Beteiligten. Ein spezialisiertes Management, welches sich auf die Rettung konzentriert, erleichtert diesen gesamten Prozess erheblich.

Die taktische Seite.

Einige gesetzlich zulässige Verfahren können von Unternehmen genutzt werden, um Gläubigern auszuweichen. Es ist eine häufig angewandte Taktik, die Adresse der Schuldnerfirma zu verlegen, um das juristische Forum an einen Ort mit schwierigem Zugang für die Gläubiger zu verlegen. Diese Situation erhöht die Rechtsunsicherheit und sollte unbedingt überprüft werden. Stärkere Kreditoren können in dieser Situation sich einer gerichtlich strukturierten Reorganisation widersetzten und eine Liquidierung fordern.

Zentrales Ziel

Das zentrale Ziel der gerichtlichen Reorganisation ist die Aufrechterhaltung der Funktionsfähigkeit des Unternehmens und damit der gewachsenen Bindung zu seinen Mitarbeitern und Lieferanten. Diese können insbesondere weiterhin mit der in Reorganisation befindlichen Gesellschaft Geschäfte tätigen, mit der gesetzlichen Garantie, dass ihre Kredite absolute Priorität haben, vor allem im Falle einer immer möglichen zukünftigen Insolvenz. Dies sind die sogenannten kollaborativen Gläubiger.

Häufig haben kleine und mittlere Gläubiger einen nicht unerheblichen Teil ihres Umsatzes an Verträge mit dem in der Krise befindlichen Unternehmen gebunden, so dass der Verstoß gegen diese Gruppe der Auslöser sein kann, andere Erfordernisse der Restrukturierung in der Folgekette aufgereihten Dominosteine zum Sturz bringt. Die Rettung eines Unternehmens bedeutet, die Geschäftstätigkeit vieler anderer Lieferanten in der Wertschöpfungskette aufrechtzuerhalten.

Aus Sicht des Gläubigers.

Das Prinzip der gerichtlichen Restrukturierung besteht darin, Unternehmen zu erhalten. Aber die Regeln für ihre Ausführung lassen Raum für Praktiken, die zu negativen Folgen für die Volkswirtschaft Brasiliens werden können.

Unternehmen gewinnen sechs Monate Gläubigerschutz. Zu den Problemen, die durch Gesetzeslücken entstehen, gehören die Manipulation von Stimmen, die die Genehmigung des Sanierungsplans und die Änderung der Adresse des Unternehmens definieren. Dieser letzte Ausweg ermöglicht es, das juristische Forum an einen schwer zugänglichen Ort zu verlegen.

Da ich mit iManagementBrazil seit mehreren Jahren u.a. an solchen Projekten arbeite, bin ich sicher, dass es von grundlegender Bedeutung ist, der Änderung des geltenden Rechts Priorität einzuräumen, um die notwendigen Anpassungen vorzunehmen und mehr Sicherheit für die Gläubiger zu erreichen. 

Frank P. Neuhaus - Spezialist für Brasilien mit Sitz in São Paulo

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