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Case-Studies und Blogbeiträge von professionellen Interim Managern und Interim Managerinnen

Passen Downsizing und digitale Transformation zusammen?

Fank P. Neuhaus - Spezialist für Brasilien mit Sitz in São Paulo

Eines vorweg: Finanzielle Reserven sollten bis zu einem gewissen Grad vorhanden sein. Also bedeutet Downsizing schon mal nicht abgemagert!

Man sollte wendig sein, keinen Ballast mitschleppen, um die tiefgreifenden Veränderungen durch die Digitalisierung zu antizipieren und zu einem Vorteil drehen zu können.

Also heißt Downsizing hier: erst einmal vereinfachen. Bürokratie abzubauen heißt auch, die Mitarbeiter aus der Komfortzone herauszulocken.

Brasilien ist nicht mehr im Fokus - das hat Konsequenzen!

Ich erlebe in Brasilien viele Firmen, welche unglaublich viel Speck angesetzt haben. Das gilt für fast alle Bereiche, aber interessanterweise nicht in der Produktion. So haben sich, besonders multinationale mittelständische Unternehmen in den letzten Jahren relativ wenig um die brasilianischen Niederlassungen in der notwendigen Tiefe gekümmert. Das Problem hat sich verständlicherweise durch die massive Krise seit 2014/15 und den Aufstieg der Bedeutung Chinas als Markt potenziert.

So gibt es in den brasilianischen Niederlassungen nicht selten Mitarbeiter, welche schon seit Dekaden im Unternehmen sind. Und nicht selten haben sich diese Mitarbeiter ihr kleines Revier eingerichtet. Es wurden Prozesse und Regeln manifestiert, die ihre eigene kleine Mechanik entwickelt haben und anscheinend von aussen betrachtet über den gesunden Menschenverstand hinausgehen können.

Was bedeutet Tropikalisierung?

In Brasilien gibt es das Wort der Tropikalisierung. Das bedeutet, dass Prozesse und besonders Produkte intuitiv und nicht selten mit wenig Dokumentation der sich schnell wechselnden lokalen Realität angepasst werden. Das ist nicht schlecht - ganz im Gegenteil! Aber nur dann, wenn es strukturiert und unter Abwägung aller Chancen und Risiken konstant entwickelt wird.

Mit iManagementBrazil sehen wir regelmässig nationale Unternehmen, die sich aufgrund ambitionierter Wachstumspläne über die Jahre stark verzettelt haben. Gerade in der Branche der Automobilzulieferindustrie scheint das mittelfristig zum Verhängnis geworden zu sein. Anstatt sich darauf zu konzentrieren, möglichst technologisch und strategisch weiter zu kommen, verbreiterten viele brasilianische Hersteller ihre Produkt- und Serviceportfolios ins Endlose, um somit den vermeintlichen Konkurrenten das Wasser abzugraben.

Dann kam das Jahr 2014.

Das schien erst eimal finanziell zu funktionieren. Aber spätestens seit Ausbruch der Krise 2014/15 ist das alles andere als eine tolle Strategie. Die regelmässige Überweisung von frischem Kapital von den Muttergesellschaften an die brasilianischen Niederlassungen sprechen Bände. Das Kapital wurde zu Beginn als Intercompany Loan überwiesen, später als Kapitalerhöhung in der Bilanz inkorporiert. Nicht wenige CFOs in den Muttergesellschaften beobachten beunruhigt, dass die brasilianische Niederlassung von der Bilanzsumme her immer wertvoller wird … .

Und nun soll digitalisiert werden?

Und so steht man nun da, mit einem riesigen Apparat und viel verlorener Zeit. Und plötzlich soll alles, sprich Strategie, Produkte und Organisation, umgebaut werden. Ich bin überzeugt, das ist unternehmerisch gesehen die viel schwierigere Aufgabe als etwas komplett Neues zu schaffen.

Und wenn Sie nun den Grad der Digitalisierung und/oder der Automation nutzbringend hochtreiben wollen, um das Unternehmen vermehrt auf die digitalen Rahmenbedingungen anzupassen, dann müssen Sie abspecken.

Aus Sicht des Controllings geht es in erster Linie darum, die Risiken zu minimieren und mehr frei verfügbare Reserven zu schaffen. Damit wird Handlungsspielraum geschaffen.

Also, was ist konkret zu tun?

Produkte streichen, fiskalische Struktur vereinfachen, Abhängigkeiten in der Supply Chain reduzieren und manchmal auch schon im frühen Stadium Leute entlassen.

Unsere Erfahrung zeigt klar, dass es Sinn macht, beim Produkt anzusetzen. Es geht darum, die Produktpalette zusammenstreichen, also Tropikalisierung zu vermindern. Dazu konzentrieren wir uns zum einen auf die Rentabilität – vor allem aber auf die Relevanz des Produktes für das Unternehmen des Mandanten. Aber an dieser Stelle kommt schon der erste Blick nach vorne – und in den Fokus rücken eine mögliche Automation und vor allem die Digitalisierung. Die Verringerung von Tropikalisierung bedeutet in diesem Moment schon, den Blick auf Multikanal-fähige Produkte und Dienstleistungen zu konzentrieren.

Gleichzeit wird versucht, den organisatorischen Rückstand schnell aufzuholen. Und das ist heute deutlich einfacher als vor einigen Jahren. Unsere Erfahrung zeigt klar, dass eine systematische Auswahl und Implementierung eines digitalen Kollaborations-Tool das Projekt und das Unternehmen massiv voranbringt. Wenn in einer späteren Phase auch Schnittstellen in die Supply Chain und zu Kunden etabliert werden können, multipliziert sich die so genannte Customer Experience gewaltig.

Ein solches erstes Digitalkonzept ist das Fundament der zukünftigen Transformation, ganz egal, welche strategische Wendung und Abzweigung sich auf dem Weg ergeben.

Als nächstes geht es um die Entwicklungskompetenz des Mandanten. Gerade in Zeiten massiver Umbrüche, welche auch vor Brasilien nicht halt machen, wird versucht, dann einzusteigen, wenn die tiefsten Entwicklungskosten scheinbar greifbar sind.

Wenn man Unternehmen mit dem Taschenrechner führt, ist das clever. In der richtigen und massiv beschleunigten Welt birgt das ein enormes Potential, dass das schiefgehen kann. Man kann dann schlicht zu spät sein.

In den letzten Jahren haben Automation und Digitalisierung in unseren Projekten in Brasilien immer mehr Raum eingenommen. Wir leben in einer disruptiven Welt, auch in Brasilien.

Wo steht man?

In nicht wenigen Präsentationen im Rahmen der Projekte bei Mandanten habe ich immer wieder zum Ausdruck gebracht, dass man sich besser auf die Seite des Disruptors schlägt, als der Disruptierte zu sein. Es mag sich brachial anhören – aber bevor man angegriffen wird, sollte man sich lieber selbst angreifen und fit machen. Es geht darum, dass man sich selbst erfolgreicher angreifen sollte, als andere dies in der Zukunft tun werden.

Die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt mir ganz klar, dass es sich auch für kleinere und mittlere Unternehmen lohnt, im Hinblick auf die Digitalisierung Ballast abzuwerfen und ihr Geschäft fit zu machen.

Das sollte aber nicht dazu führen, dass entstandene Gewinne ausgeschüttet werden: Dieses Geld muss nun in die Digitalisierung reinvestiert werden.

Frank P. Neuhaus
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