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Brasilien - kommt der Wums hier unbemerkt um die Ecke?

Fank P. Neuhaus - Spezialist für Brasilien mit Sitz in São Paulo

Als die Corona-Krise auch in Brasilien ankam und die Brasilianer sich in den ersten zwei bis vier Wochen sehr bewusst und auch vorschriftsmässig in die Quarantäne zurückzogen, wurden natürlich auch die Prognosen für die Wirtschaft des Landes gemacht. Die ersten Schätzungen in den Monaten März/April 2020 gingen von einem auf das laufende Jahr bereinigten Einbruch von -12% bis zu -15% aus.

Aktuell habe ich durch zwei gleichzeitig laufende Projekte einen Macro-Blick in die Situation, wie sie nicht ambivalenter sein könnte. Ob diese Sicht exemplarisch ist, kann ich nicht sagen und würde es auch nicht behaupten wollen.

Im ersten Projekt befinde ich mich fast wie im Auge des in der Automobilindustrie wütenden Zyklons. Die Automobilindustrie ist auch in Brasilien von Corona massiv getroffen und die Umsätze brachen um mehr als 40% ein, was sich nach Schätzungen der Hersteller auch nicht aufs Jahr gesehen nachhaltig ändern wird.

Unternehmen wie VW do Brasil gehen sogar davon aus, dass der lokale Markt sich binnen der nächsten fünf Jahre nicht signifikant erholen wird. Die massive Abwertung des Real ist ein weiterer Mühlstein, welcher um den Hals des industriellen Sektors hängt, aber auch in vielen anderen verarbeitenden Industriebetrieben. Ohne Zweifel ist der technologische Wandel und die in den Mutterhäusern der Hersteller beschlossenen globalen Restrukturierungsmassnahmen eine weitere Bombe, welche in dieser Industrie explodierte. Die Druckwelle pflanzt sich durch die gesamte Wertschöpfungskette hindurch.

Das zweite Projekt, in dem ich unmittelbaren Einblick in den aktuellen brasilianischen Markt erhalte, ist ein Business Development Projekt eines Altkunden von uns. Es handelt sich um eine lokale Coffee Shop-Kette, welche sich seit ca. 2016 zu einem lokalen Franchsie-System weiter entwickelte. Mit iManagementBrazil sind wir in dieser Entwicklung direkt involviert.

Mit Ausbruch der Corona-Krise stand man nun zum dritten Mal nach 2016 vor der entscheidenden Frage, wie man in einem solchen krisenhaften Szenario reagieren soll. Und abermals halfen wir den Gründern, sich für die „Vorwärts-Strategie" zu entscheiden und die sich neu auftuenden Chancen zu identifizieren, zu bewerten und wenn im Risiko abschätzbar, zu implementieren.

Diesmal geht es darum, die Struktur weiter zu professionalisieren und gezielt neue digital-basierte Geschäftszweige zu entwickeln, zu testen und aufzubauen. Das reicht von Online-Bestellplattformen bis hin zu wertsteigernden Zusatzangeboten von integrierten Drittanbietern mit entsprechenden Produkten und Dienstleistungen, welche kompromisslos in der digitalen Welt vertrieben werden.

Wir werden über dieses Projekt einen umfassenden Projektreport in geschriebener Form sowie als Videoformat bis voraussichtlich Ende Oktober 2020 auf unserer Webpage publizieren, wie auch via UnitedInterim und auf einschlägigen professionellen Plattformen wie Xing und LinkedIn veröffentlichen.

Eines mag aber schon vorweg geschickt werden: der kompromisslose zusätzliche Aufbau eines ganz neuen digital-basierten Produkt- und Dienstleistungsangebotes hat den Umsatz und den Gewinn unseres Mandanten im zweistelligen Bereich nach vorne katapultiert. Unser Mandant hat durch die Zeitspanne von Corona hindurch stetig zugelegt und Marktanteile gewonnen.

Losgelöst von diesen beiden Projekterfahrungen, sollten wir aber auch einen Blick auf die Zahlenwelt werfen. Natürlich frage ich mich täglich, ob Brasilien kurz vor einer rasanten Genesung steht.

Unabhängig von allen politischen und ideologischen Betrachtungen, steht es wohl ausser Frage, dass Brasilianer eine natürliche und bärenstarke Resilienz aufweisen. Diese Charakterstärke ist hier kein Attribut im psychologisch-akademischen Umfeld, sondern Teil der täglichen Überlebenstaktik. Wie steht es also um Corona in Brasilien?

Auf dem Kontinent gehen die Infektionszahlen langsam zurück. Allerdings befindet man sich auf einem recht hohen Niveau und der Kontinent verantwortet ca. 50% der globalen Covid-19-Opfer. International betrachtet belegt Brasilien seit Wochen immer den zweiten oder dritten Platz, wenn es um die höchsten Zahl der Todesopfer geht. Man leistet sich einen „Wettstreit" mit Indien. Das gilt auch für den Fall der Vergleichswerte wie z.B. Tote pro 100.000 Einwohner.

Interessant ist die ökonomische Wachstumsprognose für Brasilien, welche besonders aus unabhängigen Quellen überraschend positiv ausfällt. Natürlich ist die Gesamtfolge für die Wirtschaft noch nicht absehbar. Die massiven staatlichen Kompensationsmaßnahmen in Brasilien wirken sich aber unzweifelhaft positiv auf die nationale Wirtschaft aus.

Um einen ungefähren Vergleich zu erhalten sollte man wissen, dass das nationale Sozialsystem für Bedürftige, bekannt als Bolsa Familia, im Landesschnitt R$ 190,00 (ca. in EUR 30,20) pro Person pro Monat auszahlt. Das Programm wurde in der Zeit der PT-Regierung, vor allem unter dem ehemaligen Präsidenten Lula, ausgeweitet und fest verankert.

In der Corona-Pandemie hat die Regierung die sozialen Unterstützungszahlungen über die Schicht der Bedürftigen hinaus massiv ausgeweitet und zahlt pro Monat pro Person R$ 600,00 (ca. in EUR 95,30). Der Betrag soll bis zum Jahresende auslaufen und wird nun bald auf R$ 300,00 reduziert. Diese massiven sozialen Ausgleichszahlungen repräsentieren ca. 12% des BIP Brasiliens. Damit liegt das Land auf Platz 24 von 168 Nationen weltweit, die ihre Volkswirtschaften am stärksten durch staatliche Maßnahmen stimulieren. Brasilien liegt knapp hinter den USA, aber kräftig vor Frankreich, Spanien und Italien.

In der vergangenen Woche haben unterschiedlichste globale Finanzinstitutionen die Neueinschätzungen für die Auswirkungen der aktuellen Krise vorgelegt. Mit Blick auf diese Zahlen wird die Rezession in Brasilien mit ca. -5% überraschend schwach sein, Die Chance, das Jahr 2020 mit einem Minus von 4,7% zu beenden ist nicht unrealistisch. Im Vergleich mit Deutschland kann der Einbruch sogar niedriger ausfallen.

Im gleichen Kontext hat auch die OECD ihre Zahlen vorgelegt und konstatiert, dass Brasilien unter den grössten Volkswirtschaften der Welt Mitte 2020 das Land mit den stärksten Expansionssignalen nach China ist.

Diese Zahlen kann man auch real beobachten, wenn man durch São Paulo fährt. Überall wird gebaut, entstehen neue Geschäfte, tauchen neue Marken auf. Die Infrastruktur wird weiter ausgebaut und verbessert sich merklich. Es gibt viele Fragezeichen - aber wann gab es die nicht, wenn es um Brasilien ging? Eine Frage steht fast unausgesprochen im Raum: Wird ab 2021 wirklich investiert?

Frank P. Neuhaus
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