Reinraum-Verlagerung unter Insolvenz: Von Deutschland nach Osteuropa in 12 Wochen
Branche: Halbleiterindustrie / Kunststofftechnik / High-Tech
Linienfunktion: Produktion/Technik (Projektleiter) / General Management (CRO-Support/Restructuring)
Thema: Restrukturierung in der Insolvenz, Standortverlagerung (DE → SK), Transformation durch Digitalisierung
Umsatz: 50 Mio. Euro
Mitarbeiter: 100
Ausgangslage: Akquisition im „Blindflug" und Insolvenz-Schock.
Ein Hidden Champion der Kunststofftechnik akquirierte ein strategisches Geschäftsfeld – die Produktion von Wafer-Carriern – von einem Großkonzern. Der Verkäufer hatte das Geschäft aufgegeben, weil die Energiekosten in Deutschland die Marge aufgefressen hatten. Für meinen Mandanten sollte diese Übernahme der Einstieg in die Halbleiterindustrie werden, ein Milliardenmarkt mit langfristigen Lieferverträgen.
Doch die Integration begann unter denkbar schlechten Vorzeichen. Der Verkäufer gewährte bis zur finalen Vertragsunterzeichnung kaum Einblicke in die laufende Fertigung. Wir mussten die neue Fabrik und die Prozesse weitgehend „blind" planen – eine Reinraum-Produktion der Klasse 4 mit hochsensiblen Anlagen, deren Zustand wir nicht kannten. Detaillierte Bestandsaufnahmen? Fehlanzeige.
Prozessdokumentationen? Lückenhaft. Dann kam der Schock: Mitten im Deal geriet mein Mandant selbst in eine Insolvenzsituation. Der ursprüngliche Plan, die Produktion am deutschen Stammsitz zu integrieren, platzte binnen 48 Stunden. Die Geschäftsführung stand vor der Wahl: Entweder das gerade erworbene Geschäftsfeld sofort aufgeben – oder einen radikalen Strategiewechsel vollziehen. Um das Unternehmen für Investoren attraktiv zu halten und die Fortführungsfähigkeit zu beweisen, musste die komplette Fertigung sofort in ein kostengünstigeres Werk in der Slowakei verlagert werden.
Die Belegschaft in Deutschland war demotiviert, erste Kündigungswellen liefen an. Der Halbleiter-Kunde – ein Global Player – durfte von der internen Krise nichts spüren. Ein einziger Lieferabriss hätte das sofortige Aus für beide Geschäftsfelder bedeutet. Der Druck war existenziell.
Aufgabe: High-Speed Verlagerung zur Existenzsicherung
Das Projekt wandelte sich von einer geplanten Expansion zur reinen Existenzsicherung. Die Aufgabe lautete: 100 % Verlagerung der Reinraum-Produktion direkt in die Slowakei binnen 12 Wochen – ohne Qualitätsverlust, ohne Lieferabriss, ohne zweite Chance.
Die Hürden waren immens:
Supply Chain Strategie: Komplette Umplanung aller Logistik- und Layout-Konzepte vom Zielort Deutschland auf den Zielort Slowakei. Das betraf nicht nur Maschinen, sondern auch Rohstofflieferanten, Verpackungskonzepte und Zollabwicklung.
Insolvenz-Chaos: Täglicher Kampf gegen Ressourcenknappheit im eigenen Haus. IT-Personal wurde freigestellt, Key-User kündigten, Budget-Freigaben dauerten Tage statt Stunden. Jede Entscheidung musste mit dem vorläufigen Insolvenzverwalter abgestimmt werden.
Kunden-Bindung: Der Endkunde führte während der Verlagerung sein reguläres Lieferanten-Audit durch. Ein Durchfallen hätte nicht nur das neue, sondern auch bestehende Aufträge im Millionenbereich gekostet.
Lösung: Strategisches Engineering trifft operative Exzellenz
Trotz der insolvenzbedingten Turbulenzen sicherte ich die operative Handlungsfähigkeit des Teams. Den unumgänglichen Neustart gestalteten wir proaktiv als technologischen Sprung nach vorn.
1. Engineering & Automatisierung – Der Planer-Ansatz
Statt das energieintensive Altanlagen-Layout des Verkäufers zu kopieren, entwarf ich für den slowakischen Standort ein völlig neues Materialflusskonzept. Ich analysierte die Prozessschritte vom Wareneingang bis zur Versandverpackung und identifizierte drei kritische Engpässe: manuelle Handlings zwischen Reinigungsstation und Reinraum, unnötige Transportwege für Halbfertigprodukte und fehlende Pufferkapazitäten bei Spitzenlasten.
Durch die Begradigung der Prozesse wandelten wir die Fertigung von einer manuellen Kleinserie in eine automatisierte Serienfertigung. Statt 12 Mitarbeiter pro Schicht benötigten wir nur noch 5. Die Personalkostenquote sank um 40 %, was den Standort auch bei schwankenden Energiepreisen profitabel machte.
Parallel koordinierte ich den Aufbau von Reinraum, Schleusen und Reinigungsanlagen passgenau zum neuen Layout. Jede Woche führte ich Abstimmungsrunden mit Reinraumtechnikern, Elektrikern und dem slowakischen Facility-Management durch, um sicherzustellen, dass Luftführung, Druckverhältnisse und Partikelfilterung die Vorgaben erfüllten.
Bei der Abnahme-Messung erlebten wir einen Moment, der zeigt, wie Perfektionismus manchmal überrascht: Das Partikelmessgerät zeigte konstant 0 ppm an – an allen Messpunkten. Wir zweifelten zunächst am Gerät, kalibrierten nach, wechselten das Equipment. Bis wir erkannten: Der Reinraum hatte tatsächlich null Partikel. Die Luftqualität unterschritt die geforderte ISO-Reinheitsklasse 4 noch deutlich. Das deutsche Stammwerk hatte diese Werte nie erreicht.
2. Logistik & Risikomanagement
Die Demontage der Altanlagen plante ich minutiös. Jede Maschine wurde fotografiert, jedes Kabel beschriftet, jede Schraube in nummerierten Behältern gesammelt. Ich organisierte schocküberwachte Spezialtransporte (Shockwatch) für die sensiblen Anlagen, um teure Rekalibrierungen zu vermeiden. Das war Cash-Preservation in Reinform – jeder eingesparte Euro Rekalibrierung war ein Euro mehr für das Überleben des Unternehmens.
3. Digitaler Neustart – SAP-System im Eilverfahren
Da das IT-Personal in Deutschland teilweise nicht mehr verfügbar war, bauten wir die Prozessdaten für Verpackung und Lieferung eigenständig im SAP-System neu auf. Ich arbeitete mit einem externen SAP-Berater zusammen, um Stücklisten, Arbeitspläne und Lagerverwaltung innerhalb von 4 Wochen zu migrieren. Das machte den slowakischen Standort sofort autark steuerbar – ohne Abhängigkeit vom insolventen Stammwerk.
4. Human Factor & Knowhow-Transfer
Die größte Herausforderung war nicht technischer, sondern menschlicher Natur. Die deutsche Stammbelegschaft wusste, dass ihre Arbeitsplätze verloren waren. Trotz dieser Demotivation gelang es mir, durch persönliche Gespräche und finanzielle Anreize kritisches Wissen durch „Shadowing" zu sichern. Zwei erfahrene Instandhalter reisten für 3 Wochen in die Slowakei und schulten das neue Team vor Ort – an den echten Maschinen, mit echten Fehlerfällen, mit echten Werkzeugen. Heute beherrscht das slowakische Team die Reinraumtechnik eigenständig und hat die Ausfallzeiten im Vergleich zum deutschen Standort sogar halbiert.
Ergebnis: Turnaround und nachhaltige Profitabilität
Das Projekt lieferte den Beweis für die Fortführungsfähigkeit des Unternehmens – und weit mehr:
1. Punktlandung: Die Produktion startete nach exakt 12 Wochen in der Slowakei ohne einen einzigen Tag Lieferabriss. Der Kunde erhielt seine Wafer-Carrier termingerecht, ohne Qualitätsabweichungen.
2. Marge: Durch die Verlagerung und die Transformation in die Automatisierung stieg die Gewinnmarge um 7 Prozentpunkte. Das Geschäftsfeld wurde vom Sanierungsfall zum Hoffnungsträger.
3. Qualität: Das Kundenaudit wurde im ersten Anlauf bestanden – ein seltener Erfolg bei Standortverlagerungen unter Insolvenz-Bedingungen.
4. Langfristige Wirkung: Sechs Monate nach Anlauf gewann das Unternehmen zwei Neuaufträge von asiatischen Halbleiterherstellern, die von der Kombination aus europäischer Qualität und osteuropäischen Kosten überzeugt waren.
5. Kundenzitat: „Ich möchte allen Beteiligten für die hervorragende Arbeit und den termingerechten Serienanlauf danken. Es liegt noch viel Arbeit vor uns, doch wir sind auf einem guten Weg, den Rückstand aufzuholen und unsere Kunden wieder vollumfänglich zufrieden zu stellen."
6. Was nehme ich aus diesem Projekt mit? In der Krise zeigt sich, wer Strukturen schafft und wer nur verwaltet. Eine Standortverlagerung unter Insolvenz-Druck ist kein Umzug – es ist eine Neugründung unter Zeitdruck. Wer dabei nicht nur Maschinen, sondern auch Menschen, Prozesse und Daten mitnimmt, erschafft keine Kopie, sondern etwas Besseres.
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