Wenn das Gespräch hängen bleibt: Ein Leitfaden für Aufsichtsrats- und Beiratskandidaten bei fehlender Gesprächsbereitschaft
Gerade in der Besetzung von Beirats- und Aufsichtsratsmandaten zeigt sich ein leider häufiges Muster:
Auf professionelle Kandidatenvorbereitung trifft mangelnde Gesprächsbereitschaft der Entscheider. Keine Fragen vom Eigentümer, keine Impulse von Aufsichtsratsmitgliedern – stattdessen betretene Stille oder reine Formalabfrage.
Ich habe diese Situation selbst erlebt. Und ich weiß: Das erzeugt Frustration. Die Frage ist nicht, ob Ihnen das jemals widerfährt. Die Frage ist: Wie gehen Sie damit um?
Dieser Beitrag soll Ihnen einen kurzen Leitfaden an die Hand geben, mit dem Sie solche Situationen souverän meistern – und eventuell sogar in eine Chance verwandeln.
Warum passiert das überhaupt?
Bevor wir zum „Wie" kommen: Verstehen Sie zunächst das „Warum", denn das nimmt Ihnen die Frustration.
Häufige Gründe:
Eigentümer sind unvorbereitet: Kein klarer Prozess, keine Agenda, unterschätzte Anforderungen an Gremienarbeit
Veraltete Strukturen: Aufsichtsrat wird noch als „Abnicker-Runde" gesehen, nicht als strategischer Sparringspartner
Zeitdruck: Tagesgeschäft priorisiert vor Gremienentwicklung
Kulturproblem: „Wir wissen schon, was wir brauchen"-Haltung
Wichtig: Es liegt nicht an Ihrer Kompetenz. Es ist ein strukturelles und kulturelles Problem auf der Gegenseite.
Ihr 5-Schritte-Leitfaden
1️⃣ Bleiben Sie ruhig und professionell
Was Sie tun: Atmen Sie durch. Unterbrechen Sie nicht. Zeigen Sie keine Frustration.
Warum: Ihr Verhalten in dieser Situation wird bewertet. Ruhe, Souveränität und Selbstbewusstsein sind hier wichtiger als fachliche Tiefe.
Beispiel: Wenn keine Fragen kommen, das nicht als „Gesprächsende" missverstehen, sondern als Dialog-Chance nutzen.
2️⃣ Nehmen Sie die Gesprächsführung proaktiv selbst in die Hand
Was Sie tun: Stellen Sie selbst gezielte, offene Fragen. Beginnen Sie mit einem kurzen Impuls (2–3 Minuten) zu Ihrem Mehrwert, Ihrer Board-Bio.
Warum: Sie zeigen Führungskompetenz, Strukturdenken und echtes Interesse am Unternehmen.
Konkrete Fragen, die Sie stellen können:
„Wie sehen Sie die Rolle des Beirats in den nächsten 12–24 Monaten?"
„Welche strategischen Herausforderungen priorisieren Sie aktuell?"
„Wo sehen Sie in der Gremienarbeit noch ungenutzte Potenziale?"
„Wie ist die Zusammenarbeit zwischen Geschäftsführung und Aufsichtsrat organisiert?"
„Was wäre für Sie ein Erfolgskriterium für die neue Beiratsbesetzung?"
Formel für Ihren Impuls:
„Ich habe [Unternehmen] recherchiert, insbesondere [konkretes Projekt/Strategie]. Als [Ihr Profil] könnte ich genau hier unterstützen durch [konkrete Fähigkeit]. Wie sehen Sie das?"
3️⃣ Dokumentieren Sie die Situation für Ihre eigene Entscheidung
Was Sie tun: Machen Sie sich nach dem Gespräch kurze Notizen:
Wie viele Personen waren anwesend?
Wer hat gesprochen, wer nicht?
Gab es echte Fragen oder nur Formalien?
Wie war die Atmosphäre?
Warum: Diese Informationen sind für Ihre Entscheidung wichtig. Ein Gremium, das nicht kommunizieren kann oder will, wird später auch im Amt schwierig sein.
Checkliste für Ihre Bewertung:
Eigentümer zeigte Interesse an meiner Person
Es gab mindestens 3 oder 4 echte Rückfragen
Themen wie Strategie, Erwartung, Verfügbarkeit wurden geklärt
Mir wurde Zeit für eigene Fragen gegeben
Ich fühle mich ernst genommen
Wenn weniger als 3 Punkte zutreffen: Das ist ein Warnsignal für die spätere Zusammenarbeit.
4️⃣ Reagieren Sie nach dem Gespräch bewusst
Was Sie tun:
A) Wenn Sie trotzdem Interesse haben:
Senden Sie eine kurze, wertschätzende E-Mail mit einem konkreten Impuls:
„Vielen Dank für das Gespräch. Besonders interessiert hat mich [konkreter Punkt]. Ich habe mir Gedanken gemacht zu [kurzer inhaltlicher Beitrag]. Gerne würde ich dazu im Detail sprechen."
B) Wenn es ein Warnsignal war:
Senden Sie eine freundliche, aber distanzierte Bestätigung:
„Vielen Dank für den Austausch. Ich werde meine weiteren Schritte prüfen und mich melden."
Warum: Sie behalten Optionen offen, setzen aber auch Grenzen.
5️⃣ Lernen Sie aus der Situation für die nächste Runde
Vorfeld-Checkliste (10–15 Minuten):
Jahresabschluss und Unternehmensnews recherchiert
3–5 konkrete Fragen zu Strategie/Herausforderungen notiert
2-minütigen Elevator Pitch zu meinem Mehrwert geübt
Agenda vorab erfragt, falls nicht vorhanden
Bekannte im Netzwerk zum Unternehmen kontaktiert
Im Gespräch:
Pünktlich sein (oder 2 Minuten vorher online)
Business formal gekleidet
Aktives Zuhören, Notizen machen
Selbst 2 oder 3 gute Fragen stellen
Nachfragen bei unklaren Aussagen
Nach dem Gespräch:
Dankschreiben innerhalb von 24 Stunden
Eigene Bewertung der Situation dokumentieren
Bei Bedarf Follow-up-Termin anbieten
Wann Sie ein Mandat ablehnen sollten
Ein Leitfaden wäre unvollständig, ohne diese Warnsignale zu nennen. Lehnen Sie ein Mandat ab, wenn:
Keine klare Rolle definiert ist (Beirat vs. Aufsichtsrat vs. informell)
Keine Vergütungsvereinbarung getroffen wird
Hohe Anzahl von Doppelrollen besteht (Eigentümer + Aufsichtsrat + Geschäftsführung in einer Person)
Kommunikation im Vorfeld bereits schwierig war
Keine Offenheit für kritische Fragen besteht
Merksatz: Ein schlechtes Erstgespräch wird im Amt nicht besser. Es wird schlechter.
Fazit: Ihre Haltung entscheidet
Fehlende Gesprächsbereitschaft der Gegenseite ist frustrierend, aber kein Zeichen Ihrer Unzulänglichkeit. Es ist ein Zeichen für strukturelle Probleme in der Gremienkultur, Priorisierung des Tagesgeschäfts und mangelnde Erfahrung mit professioneller Gremienarbeit.
Ihre Aufgabe ist es nicht, diese Probleme zu lösen. Ihre Aufgabe ist es stattdessen:
Souverän bleiben
Proaktiv handeln
Selektiv entscheiden
Wenn Sie diesen Leitfaden befolgen, behalten Sie die Kontrolle – über Ihren Prozess, Ihre Erwartungshaltung und Ihre Karriere.
Ich freue mich auf Ihre Erfahrungen: Sind Ihnen ähnliche Situationen begegnet? Wie sind Sie damit umgegangen?
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